Haydn, the progressive

Anlässlich des Haydn-Jubiläums 2009 veranstaltete das Joseph Haydn Konservatorium ein dreijähriges Erasmus-Intensivprogramm unter dem Titel: „Haydn, the progressive“ mit insgesamt elf teilnehmenden Musikinstitutionen aus ganz Europa.

In Anlehnung an Arnold Schoenbergs berühmten Aufsatz „Brahms, the progressive“, der eine Neubewertung des Brahmschen Schaffens in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts ausgelöst hat, wollte auch das Joseph Haydn Konservatorium mit seinem Projekt  einen nachhaltigen Beitrag zur Demontage des noch immer hartnäckig vorherrschenden Image des „Papa Haydn“ leisten  und der Bedeutung seiner „gantz Neu besonderen Art“ der Komposition  den gebührenden Stellenwert verschaffen.

Das besondere Konzept von „Haydn – the progressive“ besteht in der theoretischen und ästhetischen Auseinandersetzung mit den Werken Joseph Haydns (und in weiterer Folge auch mit denen der Nachfolgegeneration bis Franz  Liszt) im direkten, unmittelbaren Bezug zur praktisch-klanglichen Realisation, aber auch in der Konfrontation mit Werken der Moderne bzw. der Zeitgenössischen Musik.

Die künstliche Abgrenzung zwischen Theorie und Praxis wurde somit aufgehoben und historische Distanzen auf geistig-künstlerischer Ebene als unbedeutsam erkannt. Daraus resultierend wurden  auch Fragen des Fortschrittes in der Kunst thematisiert und der humanistische Stellenwert der Musik diskutiert, der die ethische Bedeutung des Kunstwerks  gleichwertig neben die ästhetische stellt – was für Haydn selbstverständlich war, für den heutigen „Kunstbetrieb“ aber wieder notwendig erscheint.

2009 Perceptions

Den Ausgangspunkt des Projekts bildete natürlich Joseph Haydns Leben und Werk.

Mit seinem neuartigen, tief im Geiste der Aufklärung wurzelnden Umgang mit dem musikalischen Material, entwickelte Haydn nichts weniger als eine Grammatik der „Weltsprache Musik“, die gleichzeitig die Grundlage zur Entstehung der sog. „absoluten Musik“ bildete. Der weitreichende Einfluss zeigt sich nicht nur in den folgenden Generationen (Beethoven, Hummel, Brahms) sondern ist bis in die Moderne und zeitgenössische Musik wirksam.

Die Kenntnisse dieser Kompositionstechnik und besonderen musikalischen „Denkungsart“ erschließen ungeahnte Möglichkeiten einer neuartigen Interpretation und Rezeption – sowohl der Werke Haydns als auch der Neuen Musik.

Einen Schwerpunkt bildeten deshalb die Uraufführungen von Werken junger Komponisten der teilnehmenden Institutionen, die sich in freier Assoziation mit Haydn schöpferisch auseinandersetzten.

Veranstaltungen:

  • Haydn – explained: Analysen und Werkbesprechungen
  • Haydn – in dialogue: Vergleiche und Gegenüberstellungen (Haydn und …)
  • Haydn – in context: historisches Umfeld, geistige Atmosphäre und Alltag zur Zeit Haydns
  • Haydn – in progress: Workshops und Proben (Erkenntnisse und ihre Umsetzung)
  • Haydn – in concert: Konzerte

Musiktheoretiker, Historiker, Komponisten und Interpreten erarbeiteten in Vorträgen, Workshops und Proben entsprechende Werke und Programme, die in Konzerten präsentiert wurden.

Exkursionen zu Lebens- und Wirkstätten Haydns (Eisenstadt, Wien, Rohrau, …) rundeten das Programm ab.

2010 The Next Generation

Im Mittelpunkt des zweiten Jahres standen die verschiedenen, individuellen Ausprägungen der von Haydn gelegten grammatikalischen Basis in der Komposition am Beispiel dreier seiner Schüler bzw. Nachfolger und ihre Bedeutung für die stilistische, technische und ästhetische Weiterentwicklung des „klassischen Ideals“ und seiner Transformierung im Übergang zum „romantischen Individualismus“.

Inhalt des Projekts war  die Erarbeitung der Werke Pleyels, Hummels, Beethovens u. a. Zeitgenossen in Kammermusikgruppen und Orchesterprojekten, begleitet von Vorträgen und Workshops.

Zwei Schwerpunkte bildeten Klavierwerke und Gesangskompositionen (sowohl Sololieder mit Klavierbegleitung als auch Kammerchorkompositionen) in Gegenüberstellung zu Neuschöpfungen junger Komponisten und deren Uraufführung.

Die österreichische Erstaufführung (!) des Hummelschen Oratoriums „Der Durchgang durch das Rote Meer“  (ein Werk, das sowohl thematisch als auch kompositorisch eine Fortsetzung der „Schöpfung“ Haydns darstellt) am 7. Mai 2010 im Haydnsaal des Schlosses Esterhazy in Eisenstadt bildete den künstlerischen Höhepunkt dieses Intensivprogramms.

Weitere Aufführungen fanden statt im Festsaal der Savaria Universität Szombathely (Ungarn) und im Sendesaal des Slowakischen Rundfunks Bratislava (Slowakei).

Die Auseinandersetzung auf dem Gebiet der zeitgenössischen Musik mit dem Erbe Haydns, das einen zentralen Stellenwert im Projekt „Haydn, the progressive“ einnimmt, hatte höchst originelle Uraufführungen der  teilnehmenden Komponisten zur Folge, die sich in diesem Jahr hauptsächlich avantgardistischer Techniken und Tendenzen verpflichtet fühlten.

Die verschiedenen historischen, theoretischen und vergleichenden Annäherungen an Haydns Erbe machten die Veranstaltungen, nicht zuletzt durch ihre individuellen nationalen Prägungen, zu einer bunten Mannigfaltigkeit an Perspektiven und Impulsen, die sich in der Untermauerung des Progressiven in Haydns Musik verdichteten.

Damit war ein weiterer Beitrag zum Verständnis seiner „Weltsprache“ und ihrer Bedeutung für die nachfolgenden Generationen bis zur heutigen Zeit gebildet.

2011 Liszt, the progressive

Das zentrale Thema des dritten Jahres bildete, dem übergeordneten Motto des Intensiv-Programms entsprechend, der diesjährige Jahresregent als „Liszt, the progressive“.

Ähnlich wie bei Haydn ist man sich in der allgemeinen Rezeption auch bei Liszt der innovativen Bedeutung seines Schaffens kaum bewusst.

Seine kühnen harmonischen Experimente beeinflussten nicht nur Richard Wagner nachweislich und ließen ihn „Liszts Werk wie einen Steinbruch brauchbarer Motive plündern“, sondern nehmen in manchen seiner Kompositionen bereits die Klangwelt des Impressionismus voraus.

Die Verwendung von „Volksmusik“ als Kompositionsmaterial (z. B. die „Zigeunertonleiter“) und die daraus resultierenden Erweiterungen des melodischen und harmonischen Systems, führt in Folge direkt zu Béla Bartók und weist noch darüber hinaus.

Die (nun poetisch und ideell aufgeladene) Monothematik und motivische Arbeit (Liszt empfängt unbewusst „Haydns Geist aus Beethovens Händen“) hat bei Liszt  auch neuartige Konsequenzen in der formalen Disposition zur Folge.

Die Auseinandersetzung mit diesen innovativen Impulsen Liszts auf die „Sprache der Musik“, ihre ambivalente Umsetzung im Werk und ihr Einfluss auf die Entwicklung neuer Kompositionsverfahren (Skrjabin, Debussy, Schoenberg, Bartók) standen im Zentrum des Intensiv-Programms, das auch Teil des offiziellen burgenländischen Jubiläumsprogramms  „Lisztomania 2011“ war.

Themen und Schwerpunkte:

  • Volksmusik als Kompositionsmaterial (Klavier- und Kammermusik bzw. Lieder): Haydn – Liszt – Bartók – Neue Musik
  • Klavierlaboratorium (das Klavierstück als Experimentierfeld)
  • Wort und Klang (Lieder und Melodramen)

In drei Bänden der Publikationsreihe des Joseph Haydn Konservatoriums wurde das gesamte Erasmus Intensivprogramm „Haydn, the progressive“ in Wort, Bild und Ton (jeweils mit inkludierter CD) dokumentiert.

2010 wurde das Projekt unter die besten drei  der europaweiten „Good Practice of  Dissermination and Valorization of Educational Projects“ gereiht und für den Lifelong Learning Award nominiert.